Weinernte bei Sara Pérez

Weinernte bei Sara Pérez

Nie, wirklich nie werde ich einen Job am Fließband annehmen. Acht Stunden schon stehe ich am Selektionsband. Alles, was faul oder vertrocknet ist, muss aussortiert werden, bevor die Trauben entrappt und dann in den Gärtank gepumpt werden. Vorwiegend makellose Trauben ziehen an mir vorbei. Diese Arbeit macht kirre. Dazu kommen noch die Wespen. Sie sind ebenfalls angetan von der Traubenqualität, sprich: dem Zucker, und versuchen, etwas abzubekommen. Unsere Hände kleben wie Kinderhände nach einer großen Eistüte. Gestern hatte es plötzlich nach Gummi gestunken. Die Rolle eines Förderbandes hatte sich verschoben und rieb sich nun heiß. Das brachte einiges an Verzögerung, ein Techniker musste gerufen werden und die Arbeit blieb liegen. So gab es heute keine Pause, vor allem, da morgen frei ist und die Trauben nicht so lange liegenbleiben können.

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Sara Pérez, Mas Martinet

Ich bin in Katalonien, genauer gesagt im Priorat, wo ich drei Wochen Praktikum zur Lese bei Sara Pérez auf Mas Martinet mache. Sara, Tochter von José Luis Pérez, einer der Pioniere des neuen Priorat, gehört zu den besten Winzerinnen Spaniens. Sie arbeitet biodynamisch, intuitiv, mit Herz und heraus kommen für mich einfach magische Weine.

Und so begann es…

Als ich im Februar 2012 auf einer Weinreise bei Mas Martinet war, war ich von den Weinen und der Region so begeistert, dass ich Sara gleich fragte, ob ich im Herbst zur Lese kommen könnte. Gesagt, getan! Untergebracht bin ich im City-Center von Falset, der Hauptstadt des Landkreises Priorat und Metropole der Region mit knapp 3000 Einwohnern. Wir sind eine Praktikanten-WG. Juan Manuel aus Argentinien, Basile aus der Schweiz und Charlotte aus Frankreich. Alle sind Önologen und ich Weinberater von Wein & Vinos, mittendrin. Ich bin mit Juan Manuel bei Mas Martinet, Basile ist bei Clos Mogador und Charlotte bei Clos Figueras.

Gleich am ersten Abend sind wir zum Abendessen bei Sara und René, ihrem Mann, der ebenfalls einer der Pionier-Familien des Priorat entstammt, eingeladen.  Sara bewirtschaftet nicht nur Clos Martinet und René nicht nur Clos Mogador. Zusammen betreiben sie auch ihr eigenes Weingut Venus La Universal sowie die Projekte Partida Bellvisos und La Vinya del Vuit, gemeinsam mit Freunden. Sie wohnen am Rande von Falset inmitten der Reben von Venus La Universal. Es gibt Couscous mit Gemüse, Wurst und Rohmilchkäse aus Katalonien, Tomaten aus dem eigenen Garten. Zu trinken gibt es auch nur Selbstgemachtes:

Flaschenweine Wein & Vinos

Dido Blanc 2011, ein Garnatxa Blanca von Sara und René, Espectacle 2009 von Renés Vater, ein Einzellagen-Garnatxa aus dem Montsant, La Vinya del Vuit 2009, ein Gemeinschaftsprojekt von acht Winzern, zwei davon sind Sara und René, und natürlich noch Mas Martinet »Martinet Bru« 2009 . Was für ein Abend! So etwas bekommt man nicht jeden Tag vorgesetzt!

Die Erträge sind schlecht, aber schon jetzt erkennen wir, die Traubenqualität ist außerordentlich gut!

Morgens kurz vor sieben. Aufstehen, schnell frühstücken und – ganz wichtig – noch ein Entrepà machen. Um halb zehn ist Pause im Weinberg und da bringt jeder sein belegtes Baguette, ein Entrepà auf Katalanisch, mit. Um kurz vor acht holt uns Albert, der für den Keller zuständige Önologe, ab und es geht in den Wingert. Am atemberaubendsten ist die Lese in der Lage »Els Escurçons«. Auf schmalen Feldwegen geht es mit dem Auto den Berg hoch. Immer höher und höher, bis wir über das halbe Priorat schauen können. Ganz oben auf der Bergkuppe wächst Garnacha – wie ich finde, einer der besten Garnachas überhaupt, elegant, subtil, mineralisch…… Die Aussicht beim Traubenschneiden ist fantastisch. Die steilen Schieferhänge, bestanden mit Reben, die alten Dörfer, die wie an den Berg geklebt scheinen, die Bergkette des Montsant. Ganz weit hinten, über den Bergen ziehen bedrohlich schwarze Wolken vorbei. Aber es regnet trotzdem nicht. Seit dem Frühjahr hat es nicht mehr geregnet, das Land ist knochentrocken und die Erträge sind am Boden. Wenigstens ist die Traubenqualität gut.

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D.O. Montsant

So schön ist es dass ich, vom atemberaubenden Panorama abgelenkt, gleich eine Traube mit meinem Finger verwechsle. „Dieser Traubensaft in meiner Hand sieht ziemlich dunkel aus“, denke ich noch „hm, mein Finger schmerzt, hm, das könnte Blut sein“. Da so etwas öfters mal passiert, sind Pflaster vorhanden. Es war aber erfreulicherweise nur ein kleiner Schnitt, abgeschnittene Finger sind im Weinberg nicht so selten.

Die ersten Stunden sind ganz angenehm, dann kommt die Sonne. Bei 35° C und schwarzem Schieferboden zerfließe ich und bin froh, Sonnenbrille und Strohhut mitgebracht zu haben.
Das zweite Frühstück zwischendrin tut gut. Wir sitzen auf Leseboxen im großen Kreis und packen unsere Brote aus. Einige der Weinbergsarbeiter schneiden sich dicke Scheiben Knoblauch, mehrere Zehen, auf’s Brot. Angeblich sind sie nie erkältet. An einem Morgen probiere ich es auch aus und habe augenblicklich Sodbrennen für den Rest des Tages.

Siesta auf Katalanisch!

Von eins bis drei ist Pause, in der Hitze kann sowieso niemand arbeiten. Albert fährt nach Hause und setzt uns im Restaurant neben der Genossenschaft von Falset ab. Die Bedienung könnte ihre Ausbildung in einer Berliner Kneipe gemacht haben. Zumindest wird uns immer erstmal ein charmantes »Que fem?« entgegengebrüllt. »Was nehmen wir?« zu Deutsch. Wir nehmen immer das Menü, vier Gänge quer durch die katalanische Küche: Canelones, Fideuà, Paella, Samfaina, Bacallà, Botifarra amb Mongetes, Tripes, Crema Catalana…. Dazu eine Flasche eiskalten Wein und Limo. Der Wein ist so lecker, dass Verdünnung anzuraten ist, sonst wird die Arbeit am Nachmittag schwierig. Ab und zu treffen wir auch die Besatzung von Clos Mogador: Iban, einer der Önologen und Teil vom Projekt la Vinya del Vuit, Franzi, Önologiestudentin aus der Pfalz, die gerade Praktikum macht und Katja aus Rügen, die irgendwie im Priorat hängen geblieben ist (was ich sehr gut nachvollziehen kann).

Stampfen, Schippen und Pressen – der K.O. – Schlag für untrainierte Muskeln…

Am Nachmittag bleiben wir in der Bodega, meist verbringen wir die Zeit am Sortierband. Da die Trauben recht gut aussehen, ist das ein etwas langweiliger Job, aber nunmal unerläßlich für guten Wein, wie  Clos Martinet ihn macht. Aber es gibt noch viele andere anfallende Arbeiten:

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Händisches Unterstoßen des Tresters, René Barbier jr.

Beispielsweise einen fertig vergorenen Wein umpumpen und dann den Trester, das heisst die vorwiegend festen Traubenrückstände, herausschippen und pressen. Wenn man zum ersten Mal mit nackten Füßen und Schaufel im Tank steht und die feuchte Masse durch die schmale Öffnung schippt, merkt man, dass Weinmachen körperliche Anstrengung bedeutet!

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Die Korbpresse ist gottseidank hydraulisch. Die handbetriebene Kelter, mit welcher der (noch experimentelle) Weißwein gepresst wird, geht ganz schön auf die Arme.

Alles für die Reserva de la Familia…

Sara schaut immer mal wieder vorbei – eigentlich sollte sie zu Hause bleiben, denn sie hat gerade ihr viertes Kind bekommen – aber diese Frau kann nicht mal ein paar Tage einfach nur rumsitzen. Sie ist beim Pressen der weißen Trauben dabei und stampft die Maische mit den Füßen, was dem Kleinen, den sie vor den Bauch gebunden trägt, sichtlich sehr gut gefällt. Früh übt sich eben, wer Meister werden will!

Reserva della familia

Sara Pérez mit ihrem jüngsten Kind

Wein oder Bier? – interessante Details nach Feierabend…

Nach der Arbeit gehe ich meist mit Juan Manuel ins Café an der Plaça de la Quartera, um einen Aperitif zu nehmen. Albert ist auch immer da und sowieso sind fast alle Gäste Önologen. Würde das Café in die Luft fliegen, gäbe es keinen Wein mehr in Priorat und Montsant.
An einem Samstagabend fahre ich mit Albert zur örtlichen Tankstelle. In der Tankstellenkneipe ist eine Bierpräsentationsparty, Albert legt auf. Denn alle Önologen scheinen nebenbei interessante Hobbies zu haben. Einige machen Weine mit Freunden, andere, wie Albert, betätigen sich als DJs und noch andere brauen Bier. Schon die Hobbies würden ein Praktikum lohnenswert machen. Während Albert für die musikalische Untermalung sorgt, treffe ich Santi. Er braut Bier, das erst in neuen Eichenholzfässern gärt, der zweiten Fermentation in der Flasche wird Garnatxa Blanca-Most zugesetzt. Nicht billig, aber wirklich gut!
Die Begeisterung der Winzer ist einfach faszinierend.

An meinem letzten Tag ist die Lese zu Ende. Es gibt eine große Paella auf der schattigen Terrasse von Mas Martinet. Das Weingut ist als einzelnes Haus in einem kleinen Tal zwischen Falset und Gratallops gelegen. Es sitzt sich wunderbar unter der grünen Laube an einem 5 Meter langen Holztisch. Saras Mutter hat die große Paella-Pfanne auf ein Holzkohlenfeuer gestellt, es riecht herrlich nach gebratenem Fleisch, Meeresfrüchten und Grillfeuer.

Auf den Tisch kommt zur Feier des Tages Außergewöhnliches…

Flaschenbilder Wein & Vinos

Mas Martinet »Martinet Bru« 2009 und Cims de Porrera »Clàssic Caranyana« 2006, der erste Jahrgang des Weines von José Luis Pérez, Saras Vater, der natürlich auch dabei ist.

Es war eine tolle Zeit. Es war viel Arbeit, ich habe viele neue Leute kennengelernt, gute Weine getrunken und war in einer großartigen Landschaft unterwegs. Und ich bin mir sicher, es war nicht mein letztes Mal im Priorat! Ich bin gespannt auf die Ernteergebnisse 2013, mal sehen was uns die Winzer in den nächsten Wochen darüber verraten können.

Euer Timo